Alltag im geteilten Deutschland

Alltag im geteilten Deutschland

Dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung blicken Zeitzeugen im Geschichtsunterricht auf den Alltag im geteilten Deutschland

Hans Ludwig Weidemann berichtet vom Volksaufstand 1953, den er als Zehntklässler erlebt hat.

Vor dreißig Jahren fiel der Eiserne Vorhang, der Europa und Deutschland voneinander trennte. Im Geschichtsunterricht der R10b von Herrn Bildhauer wurden zum Thema deutsche Teilung 1949-1990 Zeitzeugen eingeladen oder besucht. 

Zum Auftakt besuchte Herr Dr. Hans-Ludwig Weidemann kurz vor den Weihnachtsferien die R10b. Thema war der 17.Juni 1953. Herr Weidemann erlebte den 17.Juni 1953 als Schüler der 10. Klasse in der Stadt Waren an der Müritz in der DDR.
Er berichtete von einer damals zunehmenden Unzufriedenheit in der Bevölkerung über die Versorgung zum Beispiel mit Lebensmitteln. Über die Ereignisse des 17.Juni 1953 des Volksaufstandes im entfernten Ost-Berlin war man auch in Waren gut informiert: Der amerikanische Radiosender RIAS berichtete ununterbrochenen live darüber. Diese live –Reportagen glichen der Live Übertragung eines Fußballspiels. Die Schüler in Waren schlossen sich schließlich dem Aufstand an, indem sie fast geschlossen die Schule verließen und sich in einem nahe gelegenem Waldstück versammelten.
Diese heute harmlos wirkende Form des Protestes hätte für die Schüler schlimme Folgen haben können: Haft, Schulverweis, Ausschluss von einer Studienplatzvergabe drohten. Die Staatssicherheit der DDR machte überall wo sie konnte Jagd auf die Anführer des Protestes. Herr Weidemann berichtete, dass die Lehrer verständnisvoll, besonnen, aber auch bestimmt auf die Schüler einwirkten und so den Protest beendeten, bevor die Staatssicherheit Kenntnis davon erlangte.
Er selber floh zwei Jahre später aus der DDR. Sein Vater betrieb in Waren eine private Buchhandlung, als Sohn eines selbstständigen Kaufmanns wurde er immer wieder und auch bei der Studienplatzvergabe benachteiligt. Studienplätze gab es für Kinder aus Arbeiter- und Bauernfamilien, nicht für Kinder aus Kaufmannsfamilien. Der Wunsch nach einem Biologiestudium in der DDR war geplatzt.
Er entschloss sich zur Flucht nach West-Berlin. Problemlos konnte er mit ganz wenig Gepäck in Berlin die Grenze passieren. Eine Mauer gab es 1955 noch nicht.
In West-Berlin besuchte er noch ein Jahr eine Schule, um später dann in der Bundesrepublik Biologie zu studieren. Seine Eltern und Geschwister blieben in Waren zurück.

Pastor Bortfeld berichtet am Grenzlehrpfad von einer unerfüllten Liebesgeschichte

Pastor Florian Bortfeld kam als Westdeutscher wiederholt in die DDR. Mit seiner Website  www.grenzerinnerungen.de und seinem Grenzlehrpfad hält er die Erinnerung an die Menschen, die unter der DDR Grenze leiden mussten, wach.

Selber wurde er Zeuge einer unglücklichen Liebesgeschichte. Sein enger Freund Thomas wuchs in der DDR auf. Thomas begegnete einer jungen Hamburgerin, die mit einer Gruppe die DDR besuchte. Die beiden verliebten sich ineinander und verlobten sich dann. Nach der Verlobung – so hoffte Thomas – wollten sie gemeinsam in die Bundesrepublik ausreisen und ein gemeinsames Leben beginnen. Es kam anders. Thomas wurde von der Staatssicherheit verhört und nach kurzer Zeit war klar, dass er die DDR nicht verlassen durfte. Darüber hinaus wurde er auch fortan beruflich benachteiligt. Ein Medizinstudium blieb ihm z.B. in der DDR verwehrt.

Das verlobte Paar ließ sich nicht beirren. Immer wieder trafen sie sich in der DDR oder in den osteuropäischen Nachbarstaaten. Die Umstände waren schwierig und ausgerechnet im Jahr 1989  – im Jahr des Mauerfalles – zerbrach die Liebe. Ab dem 09.November 1989 konnte Thomas endlich in den Westen reisen. Aber für die Rettung der Beziehung war es zu spät. Immerhin seinen Traum von einem Medizinstudium konnte sich Thomas erfüllen. Er arbeitet heute erfolgreich als Arzt.

Frau Strümpel (vorne rechts) berichtete der Klasse R10b vom Ende der DDR und der Wiedervereinigung

Frau Strümpel wuchs in der DDR in Potsdam auf. Als Schülerin war sie erfolgreich und  über den Umweg einer technischen Ausbildung gelangte sie schließlich zu ihrem Traumberuf Verkäuferin. In einem HO Lebensmittelgeschäft genoss sie den Kontakt zu Kunden und Kollegen. Sie erlebte, auch wenn in der DDR keiner Hunger leiden musste, den Mangel: viele Dinge zum Beispiel Bananen, Obst usw. waren nur selten und nach langem Anstehen erhältlich. Die Menschen machten allerdings das Beste aus der Situation. In den Warteschlangen kamen die Menschen ins Gespräch  und tauschten sich aus.

Den Wunsch zur Flucht aus der DDR hatte sie nie. Sie fühlte sich nicht eingesperrt und machte einige Reisen nach Osteuropa, z.B. nach Bulgarien an die Schwarzmeerküste. Nur Paris hätte sie als junge Frau gerne einmal besucht.

Das Ende der DDR sah sie kommen. Die Versorgungslage verschlechterte sich und die Städte verfielen. Dies konnte auf Dauer nicht gutgehen. Den Mauerfall am 09.November 1989 erlebte sie auf dem Sofa am Fernseher. Tage später besuchte sie mit ihrem Mann und den beiden Kindern Westberlin. Die Leuchtreklame überall in der Stadt, das riesige Angebot in den Geschäften überwältigten sie. Jeder DDR Bürger hatte bei einem Westbesuch einmalig Anspruch auf 100 D-Mark Begrüßungsgeld. Frau Strümpel kaufte sich mit dem Geld Fischbrötchen und Kiwis. Kiwis kannte sie bis dahin nicht.

Die folgenden Jahre der Wiedervereinigung waren schwierig. Ihr HO Lebensmittelmarkt  wurde privatisiert. Die Zahl der Mitarbeiter schrumpfte von 30 auf nur noch sechs.  Die Angst um den Arbeitsplatz und die Arbeitslosigkeit bestimmten fortan das Leben.

In Hinblick auf das Leben in der Bundesrepublik hat Frau Strümpel eine klare Botschaft an die Schülerinnen und Schüler der R10b: „Sucht den Kontakt zu euren Mitmenschen, kommt ins Gespräch, kümmert euch um ältere Menschen in eurer Umgebung, fragt, ob ihr helfen könnt“

geschrieben von Torsten Bildhauer

 

 

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